icon

Famulaturbericht

Auslandsfamulatur in Nepal

Maria Czaja berichtet von ihren Erfahrungen als freiwillige Zahnmedizinerin in den nepalesischen „Dental Camps“. Bei Behandlungen mit einfachstem Equipment sind Kreativität und gute Zusammenarbeit essenziell.

Patienten auf dem Weg zur Behandlung

Ein Wartezimmer nahe dem “Dach der Welt”

Warum ausgerechnet Nepal? Mein erster Kontakt zu dem Land im bergigen Himalaya kam durch ein herzliches kleines Restaurant in meiner ersten Universitätsstadt Halle zustande. Meine Neugier war geweckt, nicht nur kulinarisch. Dort einmal freiwillig zu arbeiten und den Menschen zu helfen war mein Traum. Dank des Vereins „United Smile“ konnte ich ihn verwirklichen. In den „Dental Camps“ von Kathmandu, Manakamana und Gorkha absolvierte ich für „United Smile“ und die nepalesische NGO „Healing Hands“ im Februar 2019 zusammen mit zwei Studierenden der Zahnmedizin aus Aachen, Tim Klomp und Malte van der Laden, einen freiwilligen Zahnarzteinsatz.

Nikki Thapa von „Healing Hands“ leitet die Teams der Camps. Sie organisierte einen reibungslosen Ablauf, übersetzte für uns und beteiligte sich an allen Arbeiten. Ein ständiger Begleiter war auch Sanju, ein nepalesischer Freiwilliger, der mit seinem Humor manch angespannte Situation auflockerte. Er reichte uns Material an oder leuchtete mit einer Taschenlampe, wenn die Stirnlampe erlosch. Ein weiterer Freiwilliger, Sagar, sorgte für die Dokumentation des medizinischen Zustands. Er war schon vorher in der Medizin tätig und kümmerte sich um die Organisation des „Wartezimmers“ unter freiem Himmel. Femita, eine junge Zahnärztin aus Nepal, die in ihrem Urlaub ebenfalls freiwillig Dienst leistete, spielte eine besondere Rolle. Ohne sie hätte das Camp aufgrund neuer bürokratischer Auflagen nicht stattfinden können. Außerdem erwiesen sich ihre Erfahrungen aus anderen „Dental Camps“ als große Bereicherung.

Wir motivierten uns gegenseitig und sprangen ein, wenn jemand an seine Grenzen stieß. Trotz der primitiven Verhältnisse, die kaum vergleichbar mit denen in deutschen Zahnarztpraxen sind, stand eine angenehme Behandlung für die Patienten stets im Vordergrund. Beispielsweise unterstützte mich ein Kollege, indem er eine geistig behinderte Patientin, der ich einen Zahn zog, beruhigte und ihre Hand hielt. Nur im Miteinander ist das möglich. Wenn sich einmal eine scheinbar einfache Extraktion als schwieriger entpuppte und man über eine andere Technik beratschlagte oder die Zange oder den Hebel dem anderen übergab, bewährte sich das gute Teamwork. Ohne den universitären Druck zu arbeiten und ganz praktisch zu helfen war eine Erfahrung, die mir viel Freude bereitete.


Zu tun gab es mehr als genug, denn die Befunde zeigten oft ein erschreckendes Bild. Die kariös zerstörten Milchzähne bei sehr jungen Patienten schockierten mich besonders. Die Mundschleimhautbefunde zeigten häufig Fisteln im Vestibulum. Viele Kinder behandelten wir präventiv mit Fluoridierungen und Versiegelungen. Viele Fälle von Fissurenkaries konnten wir noch mit kleinen Füllungen oder erweiterten Versiegelungen behandeln. Mit kleinen, praktischen Zahnputztipps versuchten wir auch, die Mundhygiene unserer Patienten für die Zukunft zu verbessern. Nahe dem „Dach der Welt“ war Improvisationstalent gefragt. Füllungen fertigten wir aus Komposit mit Self-Etch-Bonding oder aus Glasionomerzement. Mithilfe zweier Mikromotoren exkavierten wir oder schliffen die Okklusion ein. Wegen der Wasserspritzen-Kühlung war das Schleifen auf Schmelz und Dentin begrenzt. Bei der Entscheidung, wie behandelt werden sollte, bewährte sich oft das Vier-Augen-Prinzip.

Patienten, die eine Wurzelkanalbehandlung benötigten, versuchten wir an eine Praxis zu verweisen. Ohne Röntgenbilder oder passendes Equipment konnten wir nur primäre Behandlungen durchführen. Wo eine Wurzelkanalbehandlung nicht möglich war, beispielsweise aus finanziellen Gründen, wogen wir eine Extraktion ab. Da wir in Deutschland mehr Behandlungspraxis im konservativen Bereich als in der Chirurgie haben, prüften wir genau, welcher Zahn extrahiert werden sollte. Mit der Zeit bekamen wir ein besseres Gefühl. Teamarbeit war vor allem bei der Extraktion sehr wichtig, einem für Patienten oft angstbegleiteten Eingriff. Das Risiko lokalanästhetischer Komplikationen minimierten wir, indem wir unsere Patienten nach Erfahrungen mit Betäubungen fragten und die Adrenalinkonzentration dem Blutdruck anpassten. Manchmal wählten wir auch eine adrenalinfreie Betäubung.

Besonders beeindruckt hat mich die Behandlung eines jungen Mädchens. Zahn 14 der schüchternen Patientin war zerstört, an Zahn 11 fanden wir eine große kariöse Läsion. Ihre angespannte Körperhaltung und das zurückhaltende Lächeln mit geschlossenen Lippen verrieten, dass sie besonders unter dem zerstörten Frontzahn litt. Mit einer Restauration aus Komposit und einer besonders sanften Behandlung erlangte ich ihr Vertrauen. Die Patientin wurde immer entspannter. Ich erklärte ihr, dass ein Zahn gezogen werden müsse. Sie solle es sich überlegen, mit ihren Eltern sprechen und am nächsten Tag wiederkommen. Zu meiner großen Freude sah ich sie wieder. Sie war mit der Frontzahnrestauration zufrieden und bereit für die Extraktion. Diese war herausfordernd. Alles verlief gut, und ich war besonders glücklich über das Kompliment, das sie mir durch ihr Vertrauen machte. Überhaupt faszinierte mich, wie gut ich trotz meines geringen nepalesischen Wortschatzes mit meinen Patienten kommunizieren konnte. Die Übersetzung war wichtig, um sich gegenseitig zu informieren, aber die Kommunikation durch Blicke und Gesten trug entscheidend zur Bildung eines Vertrauensverhältnisses bei. Dies gilt in Nepal, aber sicherlich auch in Deutschland.

 

Obwohl ich bei meiner Arbeit anfangs einige Kleinigkeiten vermisste, war unser Equipment von hoher Qualität. Was uns fehlte, ersetzten wir mithilfe kreativer Ideen oder Tipps. Die folgende Situation spiegelt für mich besonders gut die Schwierigkeiten bei der Durchführung solcher „Dental Camps“ wider. In Manakamana besuchte uns ein Herr aus dem Gesundheitssektor. Er wollte kontrollieren, ob wir auch das machten, was angekündigt war. Mir persönlich erschien diese „Kontrolle“ als sinnvoll, da wir als „Ausländer“ eine große ethische Verantwortung haben. Allerdings erschreckte es mich zu hören, dass Freiwilligenarbeit in Nepal in der Vergangenheit oft von Korruption geprägt war.


Die Hilfe, die wir mit den „Dental Camps“ bieten konnten, zeigte mir, wie wenig selbstverständlich ein funktionierendes Gesundheitssystem global gesehen für die meisten Menschen ist. Die Erfahrungen, die ich in Nepal sammeln konnte, sind ein großer Schatz, der mich auch in Deutschland bei meiner Arbeit begleiten wird.

„Dhanyabad“ an alle, die dies ermöglichten, den Freiwilligen von „Healing Hands“, „United Smile e. V.“ und vielen mehr!

Maria Czaja

icon

Noch während ihres Studiums haben sich die drei Gründer dazu entschlossen ein eigenes Hilfsprojekt zur Verbesserung der zahnmedizinischen Versorgung in strukturschwachen Regionen Nepals aufzubauen, woraus im Herbst 2017 der Verein „United Smile e.V.“ hervorging. 

Zu United Smile e.V.