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Mit dem Tuk-Tuk in die Zahnklinik

Zwischen erschreckend schlechten Zähnen und kultureller Vielfalt: Luise Winter berichtet von ihrer Zeit als freiwillige Zahnmedizinerin für „Cambodia World Family“ in Kambodscha.

Nach vier langen Monaten, die ich hauptsächlich mit Lernen in der Bibliothek verbracht hatte, war es endlich so weit: Ich hatte mein Staatsexamen geschafft. Die Freude darüber war groß, und ich blickte gespannt auf mein nächstes Abenteuer. Den Dezember 2019 nutzte ich für letzte Vorbereitungen, und direkt nach den Weihnachtsfeiertagen ging es für mich dann endlich los.

Mein Ziel: das Land der Khmer – Kambodscha.

 

Die Ankunft in Phnom Penh allerdings war ernüchternd. Mein ganzes Gepäck mit all den von mir gesammelten Spenden war verschwunden. Glücklicherweise waren die Flughafenmitarbeiter nett, und die Koffer tauchten bald wieder auf. Die ersten Tage nutzte ich dafür, mich mit dem Land vertraut zu machen, in dem ich die nächsten zwei Monate verbringen würde. Anfangs empfand ich den Lärm, den Verkehr, den allgegenwärtigen Abfall, die Luftverschmutzung und die Armut als sehr belastend. Aber schon nach ein paar Tagen hatte ich mich daran gewöhnt. Ich besuchte die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wodurch ich die kambodschanische Kultur und die bewegende Geschichte des Landes besser verstehen konnte.

Neues Jahr, neue Erfahrungen

Direkt nach Neujahr, am 2. Januar, fing für mich auch schon der Arbeitsalltag an. Um sieben Uhr am frühen Morgen packte ich all meine Spenden ein und fuhr mit dem Tuk-Tuk, einer motorisierten Rikscha, zur Klinik. Natürlich kam ich viel zu früh an – typisch deutsch. Das Projekt „Cambodia World Family“
bietet Kindern aus umliegenden Schulen die Möglichkeit, sich zahnmedizinisch untersuchen und behandeln zu lassen. Das alles ist kostenlos, weshalb das Projekt immer auf Spenden angewiesen ist. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei der Firma Henry Schein bedanken, die durch ihre Unterstützung diesen Aufenthalt erst möglich gemacht hat.

 

Die im Süden der Stadt gelegene Klinik hat vier Behandlungsstühle. Sie mögen manchmal kleine Macken haben, funktionieren aber eigentlich genauso wie die, die ich aus Deutschland gewöhnt war. Die ersten Kinder trafen meist zwischen acht und neun Uhr morgens ein. Jeden Tag besuchten zwischen einer und drei Schulklassen die Klinik. Dementsprechend haben wir jeden Vormittag zehn bis 50 Kinder behandelt. Sie sprachen teilweise erstaunlich gut Englisch, und die netten Helferinnen unterstützten uns außerdem oft bei der Übersetzung und Kommunikation. Dies war besonders bei ängstlichen Kindern eine große Hilfe. Es wurde immer zuerst ein kurzer Befund durchgeführt. Den Behandlungsbedarf notierten wir auf einem Blatt Papier. Für Fragen war stets ein kambodschanischer Arzt anwesend, der uns allen mit Rat und Tat zur Seite stand. Bei den Kindern waren Zahnreinigungen, Fluoridierungen, Füllungen und Extraktionen an der Tagesordnung. Ein Röntgengerät gab es leider nicht, weshalb wir keine Wurzelkanalbehandlungen durchführen konnten.

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Man wächst an seinen Aufgaben

Erschreckt hat mich besonders am Anfang der schlechte Zustand der Zähne der Kinder. Mit der Zeit bekam ich aber mehr Erfahrung und Routine. Ich wurde selbstsicherer, konnte Behandlungen schneller durchführen und wusste auch mit ängstlichen Patienten besser umzugehen.

 

Die Arbeit für „Cambodia World Family“ empfand ich als sehr erfüllend. Es war schön zu sehen, wie die Kinder nach der Behandlung mit einem Lächeln vom Stuhl stiegen, sich mit dem Wort „arkun“ – was Danke auf Khmer bedeutet – verabschiedeten und schnell wieder zu ihren Freunden verschwanden.

 

Zwischen mir und den Helferinnen aus der Klinik entwickelten sich gute Freundschaften. Nach anfänglicher Schüchternheit tauten die Mädels schnell auf, und wir hatten immer viel Spaß bei der Arbeit. Ab und zu trafen wir uns außerhalb der Klinik, gingen gemeinsam essen oder etwas trinken. Einmal organisierten wir mit allen am Projekt beteiligten Freiwilligen und Angestellten eine Bootsfahrt auf dem Mekong. Es war ein richtig schöner Abend mit gutem Essen und Musik.

Viel zu entdecken, wenig Zeit

In Phnom Penh habe ich mich gut eingelebt. Die Stadt offenbart ihren Charme nicht auf den ersten Blick. Wenn man jedoch eine Weile dort ist, entdeckt man viele schöne Ecken. Es gibt so viele tolle Restaurants und Cafés, dass man es kaum schafft, alle auszuprobieren. Günstig essen kann man auch auf den vielen Märkten der Stadt. Dort bekommt man vor allem gutes und frisches Street Food. Sie laden zum gemütlichen Bummeln ein, man entdeckt ständig Neues und findet herrliche Souvenirs.

 


Wenn man nach dem vielen Essen nicht ganz auf Sport verzichten will, kann man seine Nachmittage in einem der zahlreichen Fitness-Studios verbringen. Und auch für die Abendgestaltung gibt es vielfältige Angebote, ob Salsa-Tanzkurse, Kunstausstellungen oder Konzerte – es ist für jeden etwas dabei. Und wenn es doch einmal ein wenig schicker sein darf, laden die Sky-Bars von Phnom Penh dazu ein, den Sonnenuntergang zu genießen.

 

An den Wochenenden erkundete ich meist mit Freunden, die ich in Kambodscha kennengelernt hatte, das Land. So waren wir zum Beispiel an der Küste in Kampot und Kep, wo wir eine Pfefferplantage und eine Höhle besichtigten. Außerdem machten wir eine Kanutour und schauten uns am Meer den Sonnenuntergang an. In Kampong Cham ging es weniger touristisch zu. Wir waren in dem Dorf untergebracht und konnten so noch tiefer in die Kultur und das Leben auf dem Land eintauchen. Typisch kambodschanisch war übrigens auch eine Hochzeit, die direkt neben unserem Bungalow gefeiert wurde – dabei wurde von vier Uhr morgens bis ein Uhr nachts so laut Musik gespielt, dass sie im ganzen Ort zu hören war.

 

Und natürlich war ich auch in Siem Reap und besichtigte die berühmte Tempelanlage von Angkor Wat. Sie ist das wohl berühmteste Wahrzeichen von Kambodscha, und alle Einheimischen sind sehr stolz darauf. Wegen der langen Anreise und um genug Zeit zu haben, mir alles in Ruhe anschauen zu können, nahm ich mir für den Ausflug ein verlängertes Wochenende. Die jahrtausendealten Tempel zu besichtigen hat mich zutiefst beeindruckt.

 

Die Zeit in Kambodscha war sehr schön und hat mich sowohl zahnärztlich als auch persönlich enorm weitergebracht. Vielen Dank für die Unterstützung und dafür, dass Sie das möglich gemacht haben!