Parodontitis und die häufigste Todesursache
Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer chronischen, meist schweren Form der Parodontitis1. Dies ist ein Umstand, der alle Zahnärzte und Kardiologen hellhörig machen sollte. Denn besonders das chronische und oft unbehandelte Stadium erhöht das Risiko am Herz-Kreislaufsystem zu erkranken um fast das Doppelte2. In Verbindung mit dem Fakt, dass die häufigste Todesursache in Deutschland eine Erkrankung des Kreislaufsystems ist, sollte die Parodontitis als mögliche Pforte dafür besser und ernster unter die Lupe genommen werden3. Das Gefährliche an den beiden Krankheitsbildern ist, dass sie sich viele Risikofaktoren teilen und sich gegenseitig beeinflussen können. Zu nennen sind hier beispielsweise Rauchen, Bluthochdruck, Bewegungsarmut, Übergewicht, ungesunde Ernährung oder Stress4 5. Aber nicht nur diese klassischen Lebensstilfaktoren sind riskant, sondern auch genetische gemeinsame Varianten, die sich Polymorphismen nennen. Sie verursachen an sich keine Krankheit, aber erhöhen das Risiko für beide Erkrankungen, weshalb eine schwere Parodontitis auch ein Warnzeichen für Herz- und Gefäßerkrankungen darstellen kann. Was lange Zeit als Mythos galt, ist nun inzwischen belegt, dass die chronische Entzündung des Zahnhalteapparats maßgeblich das Risiko für Gefäßerkrankungen erhöht oder deren Verlauf negativ beeinflussen kann6.
Beide Erkrankungen verursachen zunächst keine akuten Beschwerden. Sie werden daher häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium bemerkt. Sobald aber eine der beiden erkannt wird, sollten Patient:innen, Zahnärzt:innen und Hausärzt:innen beziehungsweise Kardiolog:innen eng zusammenarbeiten. Allerdings werden in der Praxis die beiden Krankheitsbilder zu häufig isoliert betrachtet4.
Vom Mundraum zum Herzen
Zunächst verläuft eine Entzündung des Zahnhalteapparates lange Zeit recht still ab. Moderate Schwellung oder Rötung des Zahnfleisches werden von den Patienten nicht ernst genommen oder sogar übersehen. Chronische unbehandelte Parodontitiden sorgen dafür, dass Bakterien oder entzündliche Stoffe aus der Mundhöhle über den geschädigten Parodontalspalt in die Blutbahn gelangen. Von dort aus können sie Gefäßwände befallen und versteifen oder in die vermutlich schon geschwächte Herzinnenhaut, dem Endokard, gelangen und dort ebenso für Entzündungen sorgen4 6. Einst in die Blutbahn gelangt, können diese Bakterien überall im Körper für Entzündungen sorgen oder schon vorhandene Krankheiten verschlechtern, wie z.B. Diabetes, Alzheimer oder Krebserkrankungen. Es kann somit in beide Richtungen gehen6.
Der Zahnarzt als Schlüsselfigur
„Zähneputzen, Zahnseide und regelmäßige Zahnarztbesuche dienen nicht nur einem gesunden Lächeln – sie sind ein wichtiger Bestandteil des Herzschutzes.“, weist die aktualisierte Stellungnahme der American Heart Association von 2025 darauf hin. Sie stellt fest, dass es keine direkten Beweise dafür gibt, dass eine Parodontitisbehandlung Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt. Behandlungen, die die lebenslange Entzündungsbelastung reduzieren, scheinen jedoch das Risiko für atherosklerotischer Herz-Kreislauferkrankungen (ASCVD) zu senken. Behandlung und Kontrolle von Parodontitis und der damit verbundenen Entzündung können somit zur Prävention und besseren Behandlung von ASCVD beitragen7.
Folglich sind regelmäßige Kontrollen in der Zahnarztpraxis mit einhergehender Parodontitisbehandlung, professionelle Zahnreinigungen zweimal im Jahr und Motivation der häuslichen Mundhygiene ein Pfeiler, um den Körper vor Entzündungen zu schützen. Der Zahnarzt sollte sich auch nicht scheuen, auf den Lebensstil der Patienten einzugehen und regelmäßig über mögliche Konsequenzen der ungünstigen Lebensgewohnheiten aufzuklären.
Die interdisziplinäre Kommunikation zwischen Zahnärzt:innen und Hausarzt:innen bzw. der Kardiologie ist ein wichtiger Schlüssel, um Parodontitis-Patient:innen abzuholen und aufzufangen. Dieser Wichtigkeit widmete sich beispielweise die DG Paro zusammen mit Dentaid in ihrer Aufklärungskampagne Perio&Cardio 2022. Hierfür wurde Info-Material auch für medizinisches Personal und Apotheken zusammengestellt5.
Diabetes und Parodontitis – gegenseitige Verstärker
Rund 10 Prozent der deutschen Bevölkerung leben mit Diabetes. Ihr Risiko an einer Parodontitis zu erkranken, ist bis auf das Dreifache erhöht [8]. Ein schlecht eingestellter Diabetes Typ 1 oder Typ 2 verursacht bzw. verschlimmert eine Parodontitis, erhöht die Kariesanfälligkeit und Zahn-/Implantatverlust. Im Gegenzug kann eine unbehandelte Parodontitis die Blutzuckerkontrolle erschweren und einen Diabetes verschlechtern9. Da sich Diabetes und Parodontitis gegenseitig verstärken, ist auch hier eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von großer Bedeutung. Dies zeigt eine große dänische Studie (2024) mit knapp 16 000 Probanden mit Diabetes Typ 2 auf10. In dieser wurde deutlich, dass Diabetiker:innen, die sowohl an einer Retinopathie als auch an einer Neuropathie litten, die Wahrscheinlichkeit für eine mittelschwere/schwere Parodontitis um 51 Prozent höher lag als bei Nichtdiabetiker. Dies bedeutet für uns Zahnärzt:innen im Umkehrschluss, dass schlecht eingestellte Diabetiker mit einer diagnostizierten vorhandenen Parodontitis einem höheren Risiko für mikrovaskuläre Komplikationen wie Neuropathie und Retinopathie ausgesetzt sein können. Folglich sollten Zahnärzt:innen solchen Patienten ein Screening beim Augenarzt und Neurologen empfehlen10.
Screening und Therapie bei Diabetes
Bei erfolgreicher Parodontitistherapie wird die Entzündung eingedämmt und dies verbessert den Blutzuckerspiegel nachweislich: Der HbA1c-Wert von Diabetikern sinkt zwischen 0,3 bis 0,6 Prozent. Für eine optimale Therapiebegleitung von Diabetikern mit einer Parodontitisdiagnose haben sich erstmals die zahnmedizinische und medizinische Fachgesellschaft interdisziplinär zu einer Leitlinie zusammengetan. Diese S2k-Leitlinie „Diabetes und Parodontitis“ liefert praxisnahe Empfehlungen für beide Berufe1. Ziel dieser Leitlinie ist es, die beteiligten Fachdisziplinen sowie die betroffenen Patient:innen über diese Zusammenhänge aufzuklären und damit die Qualität der Versorgung zu verbessern. Hierzu zählen Diagnostik und Therapie und ebenso die Prävention.
Das zahnärztliche Team sollte eine Rolle bei Screening/Erkennung eines erhöhten Diabetesrisikos und der Identifizierung unerkannter Diabetesfälle spielen, Ärzt:innen sollten über das Krankheitsbild der Parodontitis im Zusammenhang mit der Bedeutung der Blutzuckerkontrolle und Komplikationen bei Diabetikern informiert sein.
Was Hausärzte als Standard in ihren Routineuntersuchungen besitzen, könnten Zahnarztpraxen ebenso ein Routinescreening für ein mögliches Diabetesrisiko bei Parodontitis-Patienten fahren: so könnte der Taillenumfang und der Blutdruck gemessen werden in Verbindung mit einem speziell entwickelten Diabetes-Risikotest in Form eines Fragenbogens (siehe Infokasten). Bei entsprechendem Verdacht gäbe es eine Überweisung zum Hausarzt zur Bestimmung des HbA1c-Wertes. Eine frühzeitige, fachübergreifende Prävention könnte die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern1.
Alzheimer und das Parodontitis-Bakterium
Die Demenzerkrankung Morbus Alzheimer entsteht durch einen Verlust von Gehirnsubstanz beziehungsweise einer Degeneration von Nervenzellen in speziellen Bereichen des Gehirns. In diesen Arealen wurde bei Alzheimer-Patient:innen vermehrt das Parodontitis-Bakterium Porphyromonas gingivalis nachgewiesen. Dieser Parodontitis-Keim kann über den Blutkreislauf in die Gehirnsubstanz eindringen. Dort setzt dieses Bakterium neurotoxische Proteasen frei, die im Hirngewebe zum Absterben von Hirnzellen führen11.
Aktuelle Studien aus den USA und Großbritannien fanden heraus, dass dieses Parodontitis-Bakterium in das Gehirn wandern und dort den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung begünstigen kann. Diese Erkenntnis wird auch von einer Greifswalder Studie gestützt12. Aus dieser Studie geht auch hervor, dass bei Betroffenen, die regelmäßig parodontal behandelt wurden in Kombination mit professionellen Zahnreinigungen sich insgesamt weniger Verluste in Alzheimer-relevanten Arealen des Gehirns zeigten. Aufgrund der regelmäßigen Eindämmung der Entzündungsherde ist eine Parodontitisbehandlung imstande, zumindest eine (beginnende) Alzheimererkrankung zu verzögern11 13.
Rheuma systemisch, Parodontitis lokal
Einen klaren und gut erforschten Zusammenhang gibt es zwischen rheumatischen Erkrankungen und der Parodontitis. Beide sind durch eine chronische Entzündung am Knochen gekennzeichnet, die sich bei der Parodontitis lokal, bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen systemisch manifestiert. Unter dem Begriff Rheuma fallen über 100 Krankheitsbilder, unter anderem die Arthrose, rheumatoide Arthritis und die Osteoporose. Alle sind Autoimmunerkrankungen, die in ihrem Verlauf den Abbau von Knochen, Knorpel oder kollagene Fasern im gesamten Körper veranlassen.
Bei Rheuma-Patienten sind die Gelenke betroffen, bei der Parodontitis der Zahnhalteapparat. In beiden Fällen sind ähnliche Entzündungsstoffe zu finden, beispielsweise das Enzym MMP-8 (Matrix-Metalloproteinase-8). Das Enzym benötigt unser Körper für verschiedene Vorgänge. Ist es aber hoch aktiv, zerstört es Gewebe wie Knorpel oder die Fasern des Zahnhalteapparates14 15.
Am Beispiel der rheumatoiden Arthritis wurde erforscht, dass ebenso bei der Parodontitis proinflammatorische Zytokine, wie Interleukin 6 oder Interleukin 1β, hochreguliert werden, was die Immunantwort zum Überschießen bringt. Auch Porphyromonas gingivalis aus der Mundflora spielt hierbei eine Rolle: in der Gelenkflüssigkeit der Rheuma-Patient:innen wurden Antikörper dieses Bakterium gefunden. Im Gegenzug wurde bei Parodontitis-Patient:innen der Rheumafaktor auch in der Gingiva und in der subgingivalen Plaque gefunden. Somit stellt sich heraus, dass es eine gegenseitige Beeinflussung beider Krankheitsbilder gibt, die nicht isoliert voneinander betrachtet werden können und dürfen15.
Auch der Darm ist betroffen
Wie bei Rheuma-Erkrankungen können auch bei Patient:innen mit entzündlichen Darmerkrankungen, wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, erhöhte Konzentrationen von Zytokinen (Interleukin 1β, -17A) im Speichel und im Parodontalspalt gefunden werden, wie eine Studie von 2022 zeigt. Auch hier scheinen sich beide Erkrankungen gegenseitig zu beeinflussen16. Zu beachten für etwaige orale Veränderungen ist, dass Darm-Patienten Steroide oder andere immunsuppressive Therapien als Teil ihrer Behandlung einnehmen und somit ein erhöhtes, auch orales, Infektionsrisiko als Nebenwirkung bestehen kann17. Das Bewusstsein, bei Darm-Erkrankten auch den Mundraum anzusehen und ihnen eine Überweisung zum Zahnarzt mitzugeben, ist noch ausbaufähig. Vor allem eine initial stark entzündete Gingiva kann Anzeichen für eine beginnende Darmerkrankungen sein18.

Fazit: Zähne verbinden den gesamten Körper – im Guten wie im Schlechten. Hier ist eine Zusammenarbeit auf jeder Ebene dringend nötig: Zahnärzt:innen, Ärzt:innen und Patient:innen.
Dr. Consuela Codrin
Weitere Infos
- Diabetes-Risiko-Test (Fragebogen): dife.de/news/diabetes-risiko-test/
Quellen
- https://www.dgzmk.de/documents/10165/312071305/PM-Diabetes_Parodontitis_END.pdf/598e324b-7804-4005-8225-2a048db190c0
- https://www.porta-dente.de/das-verbindet-mundgesundheit-und-herz-kreislauf-erkrankungen/
- https://de.statista.com/themen/69/todesursachen/
- https://dgparo.de/gesund-im-mund/herz-kreislauf/
- https://www.dentaid.de/presseraum/aufklaerungskampagne-perio-und-cardio
- https://www.lieblings-zahnarzt.de/lieblings-blog/zaehne-gesundheit/parodontitis-und-herz-kreislauf-erkrankungen-ein-riskanter-zusammenhang/
- https://www.zm-online.de/news/detail/so-ist-parodontitis-mit-herz-kreislauf-erkrankungen-assoziiert
- https://www.zm-online.de/news/detail/parodontitis-und-diabetes-verstaerken-sich-gegenseitig
- https://dgparo.de/gesund-im-mund/diabetes/
- https://www.zm-online.de/news/detail/parodontitis-erhoeht-das-risiko-fuer-diabeteskomplikationen-und-umgekehrt
- https://www.lieblings-zahnarzt.de/lieblings-blog/zaehne-gesundheit/parodontitis-und-alzheimer-studien-zeigen-zusammenhang/
- https://www.uni-greifswald.de/universitaet/information/aktuelles/detail/n/greifswalder-studie-bestaetigt-zahnfleischschwund-foerdert-demenzrisiko-vorsorge-und-rechtzeitige-behandlung-von-parodontitis-wichtig/
- https://www.quintessence-publishing.com/deu/de/article/5713233/parodontologie/2024/03/parodontitis-und-morbus-alzheimer
- https://information-mundgesundheit.de/rheuma-parodontitis/
- https://www.zm-online.de/artikel/2015/symptome-erkennen-komplikationen-vermeiden/parodontitis-und-rheumatoide-arthritis
- https://aap.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/JPER.22-0065
- https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17474124.2021.1952866?journalCode=ierh20
- https://die-mundgesundheitsstiftung.de/parodontitis-und-chronische-darmerkrankungen/